Cédric Pescia

Das Duell: Händel vs. Scarlatti

Cédric Pescia & Michelangelo Carbonara

Die beiden Pianisten Cédric Pescia und Michelangelo Carbonara bieten mit dem Programm Händel vs. Scarlatti ein Konzert im doppelten Wortsinn, denn in der Zeit vom ausgehenden 16. bis zum 18. Jahrhundert herrschte allgemeine Uneinigkeit darüber, ob der Begriff „Konzert“ sich vom lateinischen concertare - „zusammenwirken, übereinstimmen“ - oder aber vom dem das genaue Gegenteil bedeutenden concerere - „wetteifern, wettstreiten“- herleitete. Die einen argumentierten, dass die Musiker in einem Konzert nur im gemeinsamen Einklang musizieren könnten, die anderen beriefen sich besonders auf die Praxis verschiedene Klanggruppen und -farben miteinander zu kontrastieren, was eine Art Wettstreit der Instrumenten(-gruppen) bedeutete.

In diesem moderierten Konzertprogramm vereinen sich das Miteinander und das Gegeneinander auf der Grundlage einer der berühmtesten musikalischen Anekdoten: dem Wettstreit zwischen dem Deutschen Georg Friedrich Händel und dem Italiener Domenico Scarlatti. Beide wurden 1685 geboren, beide waren nicht nur Komponisten, sondern auch selbst ausübende Virtuosen und beide konnten für sich in Anspruch nehmen, eine Berühmtheit ihrer Zeit zu sein, was nicht vielen Persönlichkeiten der Musikgeschichte gelang. Händel vs. Scarlatti - das bedeutet zugleich Norden gegen Süden, denn besonders im Zeitalter des Barock begannen sich nationale Schulen auf dem Gebiet der Musik herauszubilden.

Wie gestaltete sich nun das Zusammentreffen der beiden Musikgiganten? Anfang des Jahres 1707 reist Händel von Florenz aus nach Rom, wo der Sachse bald Aufsehen erregt wie ein Zeitgenosse berichtet: „Ein Deutscher (Sassone) ist in unserer Stadt eingetroffen, ein ausgezeichneter Cembalist und Komponist. Heute hat er eine Probe seiner Kunst an der Orgel in San Giovanni di Laterano abgelegt zur Bewunderung aller.“ Der überaus wohlhabende Musikliebhaber Kardinal Ottobuoni versammelte namhafte Künstler um sich und nannte diesen Kreis „Arcadia“. Neben Dichtern und Schriftstellern waren auch Bernardo Pasquini, Arcangelo Corelli und Domenico Scarlatti Mitglieder dieser Vereinigung. Auch Händel durfte an dieser Akademie teilnehmen, was für ihn eine wichtige Verbindung zum italienischen Hof bedeutete. Vor diesem sollte er sich dann auch beweisen, denn Quellen berichten, dass der Kardinal einen Wettstreit zwischen den beiden Virtuosen Scarlatti und Händel veranstaltete.

Im ersten Teil des Wettkampfes, der auf dem Cembalo ausgeführt wurde, war man zwar allseits tief beeindruckt von der Fingerfertigkeit des Sachsen, aber dennoch heißt es, dass „einige dem Scarlatti den Vorzug zuerkannt haben.“ Den zweiten Teil, in dem die Kontrahenten ihre Fertigkeiten auf der Orgel unter Beweis stellen mussten, konnte jedoch klar Händel für sich entscheiden. Nun sollte man aber nicht denken, dass die Kontrahenten in Feindschaft auseinandergegangen seien; im Gegenteil verband sie lebenslang eine herzliche Freundschaft, die auf neidloser Anerkennung dem anderen gegenüber basierte.

Cédric Pescia und Michelangelo Carbonara lassen diesen fulminanten Wettstreit 300 Jahre später wieder aufleben und liefern sich ein Tastenduell in den verschiedenen Stilistiken, die in der Zeit des Barock dominierten. Neben Kompositionen der beiden Kontrahenten Scarlatti und Händel spiegeln zusätzlich Werke von Zeitgenossen wie Bach und Buxtehude den deutschen bzw. Rossi und Pasquini den italienischen Gusto der Epoche wider, sodass ein abwechslungsreiches Programm entsteht, in dem die Eintracht, das gemeinsame Musizieren, den Wettkampf der Einzelstreiter versöhnend umschließt.

OUVERTURE  
Johann Sebastian Bach (1685-1750): Allegro con spirito aus dem Brandenburgischen Konzert Nr.3 BWV 1048 (Transkription für zwei Klaviere)
   
WETTKAMPF TEIL 1: TÄNZE  
Domenico Scarlatti (1685-1757): Sonate d-moll K 64 (Carbonara)
Georg F. Händel (1685-1759): Gavotte G-Dur aus der Suite Nr.8 HWV 441 (Pescia)
Domenico Scarlatti (1685-1757): Sonate F-Dur K 296 (Carbonara)
Georg F. Händel (1685-1759): Sarabande d-moll aus der Suite Nr.4 HWV 437 (Pescia)
Domenico Scarlatti (1685-1757): Sonate H-Dur K 262 (Carbonara)
Johann S. Bach (1685-1750): Gigue B-Dur aus der Partita Nr.1 BWV 825 (Pescia)
   
WETTKAMPF TEIL 2: VARIATIONSSTIL  
Domenico Scarlatti (1685-1757): Sonate d-moll K 61 (Carbonara)
Georg F. Händel (1685-1759): Passacaglia g-moll aus der Suite Nr.7 HWV 432 (Pescia)
   
WETTKAMPF TEIL 3: FUGENSTIL  
Domenico Scarlatti (1685-1757): Sonata d-moll K 417 (Carbonara)
Johann S. Bach (1685-1750): Fuge b-moll aus dem Wohltemperierten Klavier Teil I BWV 867 (Pescia)
   
WETTKAMPF TEIL 4: HUMORISTISCHER STIL  
Bernardo Pasquini (1637-1710): Toccata con lo scherzo del cucco (Carbonara)
Johann S. Bach (1685-1750): Variation Nr.30 "Quodlibet" aus den Goldberg- Variationen BWV 988 (Pescia)
   
WETTKAMPF TEIL 5: IM STIL EINER FANTASIE  
Michelangelo Rossi (1601/02-1656): Toccata fantasia d-moll (Carbonara)
Dietrich Buxtehude (1637-1707): Präludium und Fuge g-moll BuxWV 163 (Pescia)
   
WETTKAMPF TEIL 6: IMPROVISATION  
   
FINALE  
Domenico Scarlatti (1685-1757): Sonate K 380 (Transkription für zwei Klaviere)
Georg F. Händel (1685-1759): Concerto Grosso B-Dur op.3 Nr. 2 HWV 313
Georg F. Händel (1685-1759): Ausschnitte aus dem Concerto Grosso d-moll op.3 Nr.5 HWV 316 (Transkription für zwei Klaviere)