Streichtrio Berlin - Noch zwei Stunden bis Sevilla...
Noch Zwei Stunden bis Sevilla...
Herbert Rosendorfer liest aus seinem neuen Roman „Monolog in Schwarz“ - das Streichtrio Berlin spielt Werke von Mendelssohn, Villa-Lobos und Mozart
| "Wissen Sie, fragte mich der alte Hofrat, daß es zu den - wie viele sind es? ich weiß es nicht - zu den jedenfalls vielen Liedern ohne Worte von Felix Mendelssohn-Bartholdy, die alle längst gedruckt und bekannt und oft und gerne sowohl öffentlich als auch privat gespielt wurden und werden, ein weiteres Lied ohne Worte gibt, in E-Dur, das nur gedruckt, nie gespielt, nie jemals gehört wurde? Gespielt und gehört vielleicht schon, aber nur einmal, vielleicht zweimal, und das unter strengem Ausschluß der Öffentlichkeit. Nein? Wissen Sie nicht? Können es auch eigentlich gar nicht wissen, denn es ist sozusagen ein gleichermaßen polizeiliches wie musikalisches Geheimnis." |
| Aus: "Lieder ohne Worte ohne Wort" |
| "Er spricht mit schwerer Zunge. Der Wirtshaustisch ist voll von Flecken verschütteten Weines. Nicht das erste Haus am Platz, aber ich hatte kein anderes gefunden. "Der Herr wollen nach Sevilla? Kommt drauf an, wie gut die Pferde sind. Zwei Stunden oder drei…Ob ich aus Sevilla bin? Kann man sagen. ……. Wie bitte? ……. Sie zahlen mir noch ein Viertel? Danke, sehr anständig. …… Ich war befreundet mit einem gewissen Leporello, und unter Dienern verständigt man sich…. Ich sage Ihnen: alles gelogen. Das Register? Ein Märchenbuch. Wenn er bei einem Dutzend gelandet ist, und das waren meistens Kindermädchen oder Blunzen vom Land, ist das hochgegriffen. …. Wie? Und den Komtur ermordet? Keine Rede davon. Die Leute des Komtur haben den Don Juan verprügelt, und der Komtur hat den Don Juan, der übrigens ein entfernter Neffe von ihm war, vor die Wahl gestellt: Entweder er heiratet die deflorierte Doña Anna, oder er zeigt ihn bei der Inquisition wegen häretischer Äußerungen an. Da hat dann, das weiß ich auch von Leporello, der Don Juan seine eigene frisch-fröhliche Höllenfahrt inszeniert. Großartig - mit Hilfe eines durchreisenden Schweizer Architekten." |
| Aus: "Noch zwei Stunden bis Sevilla..." |

© Julia Andreae
Herbert Rosendorfer - Schriftsteller
Herbert Rosendorfer, geboren 1934 in Gries/Bozen, zog 1939 mit seinen Eltern nach München. Nach dem Abitur war er an der Akademie der Bildenden Künste und wechselte dann zur Juristerei. Er war Assessor bei der Staatsanwaltschaft in Bayreuth, Staatsanwalt in München, von 1969-1993 Amtsrichter in München und bis 1997 Richter am Oberlandesgericht in Naumburg. Er ist Professor für bayerische Literaturgeschichte. 1999 erheilt er den Jean-Paul-Preis, 2005 den Literaturpreis der Stadt München für sein Gesamtwerk. Herbert Rosendorfer lebt jetzt in der Nähe von Bozen. Von seinen „Briefen in die chinesische Vergangenheit“ wurden über zwei Millionen Exemplare verkauft. Er ist einer der bedeutendsten deutschsprachigen Gegenwartsautoren.